Hauptmenü

Einmal fliegen, ein Jahr Auto fahren

Einmal fliegen gleich ein Jahr Autofahren?
Wie Hamburgs Flugverkehr das Klima belastet
von Gebhard Kraft, 1. Vorsitzender der Notgemeinschaft der Flughafenanlieger


Tornados über Bramfeld, Sintflut in Simbach: die Folgen des Klimawandels werden spürbar.
Wichtigstes Treibhausgas ist Kohlenstoffdioxid, das Gas, das wir mit jeder Verbrennung frei setzen.
Seine Menge in der Atmosphäre steigt zunehmend, in diesem Frühjahr wurde ein neuer Rekord mit
405 ppm (parts per million) erreicht. Zum Vergleich: Zu Kaisers Zeiten lag er bei 290 ppm. Und als
die Eiszeitgletscher mehr als einen Kilometer hoch Hamburg bedeckten, waren es 200 ppm. Im
Klartext: Von Wilhelm II bis heute haben wir mehr Klimaänderungen angerichtet als der
Unterschied zwischen Eiszeit und Kaisers Zeiten. Noch merken wir nur einen Bruchteil davon, da
das Ökosystem Erde nicht alle Wirkungen sofort spüren lässt; wir leben so zu sagen mit einem
Überziehungskredit; die Rechnung kommt später, aber dafür um so heftiger.
Verursacher sind wir alle, durch Hausheizung, Kraftwerke, Auto, Schiff und Flugzeug. Doch halt:
Ist Fliegen überhaupt relevant? Laut Lufthansa macht der Flugverkehr nur 2,5 Prozent des
weltweiten CO2-Ausstoßes aus. Sind Flieger also Peanuts? Nicht ganz, denn nicht nur die Menge ist
entscheidend für die Wirkung, sondern auch der Ort. Eine Analogie mag dies verdeutlichen: Ein
Küchenmesser in der Schublade ist harmlos, dasselbe Küchenmesser in ein Herz gestochen ist
tödlich.
Und so ist es auch beim Fliegen. Moderne Flugzeuge setzen ihr CO2 in 10 km Höhe frei. Dort sind
keine Wälder oder Flachmeere, die das Gas aufnehmen und durch Photosynthese umwandeln
könnten. Von dort oben benötigt das CO2
rund fünf Jahre zum nächsten Baum. Beim Auto oder
einer Diesellok (Emissionsort unter 10 m Höhe) sind es dagegen weniger als drei Tage. Flugzeug-
CO2 bleibt also mehr als 500 mal so lang als Treibhausgas in der Luft. Die selbe Menge Flugzeug-
CO2 richtet also 500 mal so viel Klimaschaden an wie die aus dem Auto. So kommt es, dass der
Weltluftverkehr zwar nur 2,5% des CO2 emittiert, aber weit über 80 Prozent des Klimaschadens
verursacht. Statt einem Flug von 500 km von Hamburg nach Frankfurt müssen sie also 250000 km
Auto (Vergleichsbasis moderner Diesel-Mittelklasse-PKW) fahren, um den selben Klimaschaden zu
erzielen. Das schaffen nur wenige in einem Jahr.
Aber wie ist das nun mit dem Flughafen Hamburg und seinem Luftverkehr? Letztes Jahr (2015)
waren es 15,6 Millionen Flugreisende, die insgesamt einen CO2-Ausstoß von rund 234 Millionen
Tonnen verursachten. Hamburgs übriger CO2-Ausstoß liegt vergleichsweise bei 17 Millionen
Tonnen. Und dabei ist noch nicht der Faktor 500 eingerechnet, um den das Flugzeug-CO2
klimaschädlicher ist. Angesichts dieser Zahlen nimmt es schon wunder, dass der Hamburg
Masterplan Klimaschutz (Bürgerschafts-Drucksache 20/8493) nur einen Satz zum Flugverkehr
enthält: „Der Luftverkehr wird auf der Grundlage von erzielten Fortschritten auf internationaler
Ebene klimafreundlich ausgestaltet sein.“ Im Klartext: Selbst handeln will der Senat keinesfalls,
international drückt sich der Luftverkehr bisher sogar um die Emissionszertifikate, die fast jeder
Industriebetrieb haben muss.
NOTGEMEINSCHAFT DER FLUGHAFEN-ANLIEGER
HAMBURG E.V.
Holitzberg 120 - 22417 Hamburg - Telefon 040/537 34 26 - Telefax 040/530 51 250
1. Vorsitzender Gebhard Kraft Tel. 040/520 41 80 2. Vorsitzender Hans Saalfeld
http://www.fluglaerm.de/hamburg
Konto: Haspa 1311/122681, BLZ 20050550
Doch halt – der Senat handelt. Als Flughafeneigentümer und Genehmigungsbehörde hat er ein
Rabattprogramm aufgelegt, das mehr Flüge und damit mehr Klimaschaden anlocken soll. Und
Flughafenchef Eggenschwiler will in Hamburg 20 Millionen Passagiere abwickeln, was den
Klimaschaden um weitere 20 Prozent erhöht. Nur eines haben beide dabei vergessen, über die
Klimafolgen überhaupt nachzudenken. Ein Schuft, der schlechtes dabei denkt.
Die Tornados über Bramfeld waren ein Menetekel. Jeder sollte darüber nachdenken, ob er oder sie
wirklich klimaschädlich fliegen muss. Unsere Kinder und Enkel werden es uns danken. Ich
persönlich bin mit dem Ökostrom-ICE oder IC meistens schneller und pünktlicher als wenn ich
fliegen würde.
Aber wenn man doch mal fliegen muss? Dann sollte man auf den Flughafen Hamburg verzichten.
Er liegt so ungünstig, dass mehr als zwei Drittel aller Landungen und Starts einen Umweg von über
40-70 Kilometern über den Osten und Norden Hamburgs, Stormarn oder den Kreis Segeberg
machen, allein das macht 50000 Tonnen Kohlenstoffdioxid aus – den Jahresausstoß von 5000
Hamburger Bürgern (ohne Fliegen). Und kompensieren Sie den Klimaschaden wenigstens durch
Ablaßzahlungen an Klimanfonds. Deren Berechnungen enthalten übrigens meistens nicht den
Höhenfaktor; wenn Sie für einen Flug von Europa in die USA 8000 Euro als Klimaabgabe leisten,
liegen sie aber halbwegs auf der sicheren Seite.
Über den Autor:
Gebhard Kraft, Jahrgang 1955, hat Chemie und Biologie studiert und sich seit mehr als 40 Jahren
mit dem Treibhauseffekt und Klimawandel beschäftigt. Er ist Mitglied der Kommission nach §32 b
Luftverkehrsgesetz und war u.a. für das Umweltbundesamt und die Hamburgische Bürgerschaft
beruflich tätig.